Sie fragen – Wir antworten

F(rage): Warum ist die Initiative „Grüner Campus“gegen eine Bebauung längs des Adenauerrings?
A(ntwort): Wir sind nicht gegen jede Bebauung, sondern gegen den uns vom Stadtplanungsamt vorgestellten Planungsentwurf vom Juni 2015, der auch im Mai 2016 nicht wesentlich geändert wurde.

F: Der Planungsentwurf ist doch sehr modern, da er dem Prinzip der Verdichtung folgt. Auch das 9-stöckige Hochhaus passt in dieses Konzept. Schließlich mus der Flächenfraß in unserer dichtbesiedelten Region beendet werden.
A: Verdichtung und Hochhausbau sind altbekannte Städtebaukonzepte, aber keine Patentrezepte und Allheilmittel. Vielmehr haben sich an den seit den 60/70er Jahren erstellten hochverdichteten Wohnsiedlungen (z.B. Berlin, Märkisches Viertel; Bremen, Neue Vahrt u.ä.), an  Bürokomplexen  und Hochhäusern die Schattenseiten dieses Konzepts in städtebaulich-ästhetischer, ökologischer und sozialer Hinsicht gezeigt. Grundsätzlich muss jedes Verdichtungskonzept standortbezogen auf die Auswirkungen in diesen drei Bereichen untersucht werden. Für das KIT-Projekt folgt daraus: städtebauliche Einordnung in die bestehende Leitbebaung am Durlacher Tor (Bernhardus-kirche und ehem. Kinderklinik) sowie Unterordnung unter die  räumlichen Gegebenheiten, nämlich Übergang vom Wald zur Stadt; ökologische Rücksicht auf die ungehinderte Durchlüftung vom Hardtwald her; soziale Rücksicht auf die angrenzende Wohnbebauung, aber auch auf die Belange des vom KIT angestrebte Campus. Unter all diesen Aspekten ist der bekanntgewordene B-Plan-Entwurf verfehlt.

F: Ursprünglich sollte das Gelände dem KIT zur Verfügung gestellt werden. So steht es auch im Flächennutzungsplan. Jetzt hört man von anderen Nutzern und Bauherrn. Wer ist denn nun Eigentümer, Nutzer und Bauherr von welchen Grundstücken und Gebäuden?
A: Schwierig zu erklären: Das hängt mit der komplizierten juristischen und finanziellen Gemengelage des Projekts zusammen. Eigentümer der Baufläche ist das Land, das KIT als Landesbehörde ist der Nutznießer, der in einem Generalplan („Masterplan“) seine baulichen Interessen bestimmt hat, Genehmigungsinstanz für einen zu erstellenden Bebauungsplan ist die Stadt Karlsruhe,  und damit der Gemeinderat, Hauptgeldgeber ist die Klaus-Tschira-Stiftung, der vom Landtag inzwischen ein Erbbaurecht an Teilen des Grundstücks zugesagt wurde. Sinnvollerweise strebt das KIT für die Gesamtfläche einen Gesamtplan an.  Aus finanziellen Gründen wurde die Baufläche in drei Teilflächen („südlich“ „Mitte“, „nördlich“ )  aufgeteilt. Für den Bereich „Mitte“ hat der Landtag im Februar einem Erbpachtvertrag mit der Klaus-Tschira-Stiftung zugestimmt, durch den die Stiftung auf dieser ihr überlassenen Teilfläche zwei Blöcke erstellen will, die für die Dauer der Erbpacht (üblicherweise 99 Jahre, Genaueres wurde nicht bekannt) von der Stiftung vermarktet werden. Zusätzlich will die Tschirastiftung auf eigene Kosten ein Hochhaus bauen, das dem KIT geschenkt wird. Ein weiters Gebäude will das Land auf dem südlichen Teil in Eigenregie bauen. Auch die nördliche Teilfläche bis zur Straße „Am Fasanengarten“ will das Land in Eigenregie bebauen. Der genaue Grenzverlauf zwischen den Teilflächen ist nicht bekannt, ebensowenig  der zeitliche Ablauf der Teil-Baumaßnahmen.

F: Also wird  die Tschira-Stiftung dem KIT drei Riesengebäude schenken?
A: Nein, nur eines, das Hochhaus. Die beiden anderen Blöcke vermietet die Tschira-Stiftung; das KIT hat dort nur ein Vormietrecht, muss also, wen es dort einziehen will, die übliche Miete für Gewerbeimmobilien zahlen. Zur Behebung der (angeblichen) Raumnot des KIT dient also nur das Hochhaus, auf das knapp die Hälfte der geplanten Gebäudeflächen entfallen. Die beiden Erbpachtblöcke stehen laut Nutzungsplan „forschungsnahen Zwecken“, aber auch für Geschäfte „der Grundversorgung“ zur Verfügung. Das ebenfalls von der Tschira-Stiftung gebaute Mathematik-Gebäude der Universität Heidelberg („Mathematikon“), das Vorbild für die beiden geplanten Karlsruher Blöcke,  enthält im Erdgeschoss Filialen von Aldi, Rewe, Rossmann u.a. Dringender Universitätsbedarf sieht anders aus. Was man tatsächlich am Adenauerring vorhat und welche Nutzung und Bebauung vom Gemeinderat im B-Plan festgeschrieben wird, wird sich im Laufe des B-Plan-Genehmigungsprozesses zeigen.


F: Die Stadt Karlsruhe betont immer wieder die Wichtigkeit von Bürgerbeteiligung und Transparenz, wenn es um öffentliche Vorhaben geht. Wie steht es damit bei diesem Projekt?
A: Schlecht. Stadt und KIT betonen immer wieder, dass man mit den Bürgern in den Dialog gehen möchte. Von Januar bis Ende April 2016 bestand der Dialog darin, dass die Stadt unsere Stellungnahme vom 15.01.2016 mit einem Empfangsbestätigungsschreiben beantwortet hat. Am 25. April hat die Stadt dann einige Fraktionen einen Änderungsentwurf vorgestellt, um einen Architekturwettbewerb, der am 26.4. im Gemeinderat zur Abstimmung stand, zu verhindern. Nachdem sich die maßgeblichen Gemeinderäte nach der Planungsausschusssitzung am 12.5. ihre Meinung gebildet haben, werden wir Bürger informiert. Bürgerbeteiligung sieht anders aus. Von der Tschira Stiftung haben wir Bürger nur die Informationen bekommen, dass man das KIT unterstützen will. Die gemeinnützige Stiftung hat unsere Einladung zu einem Nachbarschaftsgespräch abgelehnt. Sie sei „Nicht-Beteiligte“.

F: Nochmal zur Transparenz und Bürgerbeteiligung. Sind  denn die Bürgerinnen und Bürger rechtzeitig einbezogen worden, dass sie ihre Standpunkte und Interessen in den Planungsprozess einbringen konnten?
A: Nein!  Äußerst unglücklich geriet bereits die erste Präsentation des Bauvorhabens: die Einladung zur Vorstellung der Grundrisspläne und des  Modells der 5 geplanten Großbauten im Oktober 2015 erschien als Kleinanzeige im Amtsblatt und auf der Web-Seite des Stadtplanunggsamtes; Oststadtbürgerverein und Presse wurden nicht informiert und konnten daher nicht auf die Präsentation aufmerksam machen. Folglich wurde der Termin von den Betroffenen nicht wahrgenommen. Auf unsere Bitten hin wurde im Dezember vom Stadtplanungsamt  und vom KIT  die Präsentation wiederholt und die Frist für Einwände beim Stadtplanungsamt bis  Mitte Januar  verlängert. Weitere grundlegende Informationen, wie Beteiligung der Tschira-Stiftung, Abschluss und Inhalt des Erbpachtvertrags und  die durch den Erbpachtvertrag eingeschränkte Nutzung der geplanten Bauten durch das KIT konnten nur über Umwege beschafft werden. Offiziell können Einwände nun noch nach der Meinungsbildung im Planungsausschuss und der Beratung im Gemeinderat im Zuge der öffentlichen Auslegung vorgebracht werden. Erfahrungsgemäß ist in dieser späten Phase des Entscheidungsprozesses die Wahrscheinlichkeit eher gering, tiefgreifende Änderungen durchzusetzen. Echte Bürgerbeteiligung sollte also nicht bloß gegen Ende, sondern von Anfang an möglich sein.

F: Warum wird kein Architektenwettbewerb durchgeführt?
A:  Das KIT beruft sich auf seinen „städtebaulichen Masterplan“, durch den die „städtebauliche Struktur…präzisiert und abgestimmt “ sei. Die Tschira-Stiftung lehnt ihn ab mit der Begründung, sie arbeite „grundsätzlich mit einem eingespielten Team“ zusammen, das schon „eine Reihe ähnlicher städtebaulich ausgezeichneter Projekte realisiert habe“. Wir werden versuchen, den Gemeinderat doch noch von der Notwendigkeit und den Vorteilen eines solchen Wettbewerbs für das Stadtentrée am Durlacher Tor zu überzeugen.

F: Die Tschira-Stiftung verfolgt doch ein am Gemeinwohl orientiertes bewundernswertes gesellschaftliches Engagement. Dennoch lehnt sie ein Gespräch mit den Betroffenen ab. Weshalb?
A: Die Stiftung argumentiert mit dem formaljuristischen Hinweis, allein bei der Stadt liege die Verantwortung für das baurechtliche Genehmigungsverfahren. Daher sei sie auch der alleinige Ansprechpartner. Diese Haltung stellt die Tatsachen auf den Kopf. Denn als Geldgeber („Investor“) hat  die Stiftung gegenüber Land, KIT, Stadt die stärkste Position.

F: Ob Architekturwettbewerb oder nicht – das Baugelände ist doch Brachland. Das kann doch nicht so bleiben -mitten in der Stadt!
A: Das Baugelände erfüllt städtebaulich einer dreifachen Vermittlungsfunktion: erstens zwischen Wald und  Stadt (eine typische Karlsruher Situation!), zweitens zwischen KIT und Oststadt, drittens (am schwierigsten zu erfüllen) zwischen den westlich und östlich des Adenauerrings liegenden Universitätsbauten („Campusbildung“). Dies erfordert eine kluges, behutsames uns ästhetisch anspruchvolles architektonisches Konzept. Der vorliegende Brachialentwurf wird diesem Anspruch in keiner Weise gerecht. Gut die Hälfte des geplanten Baugebietes ist kein Brachland. Auf ihr befinden sich die Glashäuser und die Freiflächen des Botanischen Gartens des KIT. Bis in die 60er Jahre reichte der Botanische Garten sogar bis an die ehemalige Kinderklinik. Das gestalterische Potential, das in dieser Gatenarchitektur liegt, muss genutzt und darf nicht vernichtet werden.  Denn der  Garten dient bereits der  ersten und zweiten  Übergangs- und Vermittlungsfunktion (Wald-Stadt; KIT-Oststadt)) . Verstärkt wird diese städtebauliche Vermittlungsfunktion durch die inhaltliche Vermittlungsfunktion des Gartens: er  dient einerseits dem Universitätsbetrieb, also der Forschung und Lehre, andererseits vermittelt er  der Öffentlichkeit bei freiem Zutritt  durch ein ständiges Führungs- und Vortragsangebot botanisches  Basiswissen und aktuelle Forschungsergebnisse.


F: Aber der Botanische Garten erhält doch eine Ersatzfläche in der Oststadt. Warum die Aufregung?
A: Der neue Garten soll nur dem Universitätsbetrieb dienen; ein ständiger Öffentlichkeitszugang und -Betrieb ist nicht vorgesehen. Den Karlsruhern wird also eine wichtige Erholungs- und Bildungsmöglichkeit genommen. Das KIT betont in seinen Verlautbarungen zwar immer wieder, wie wichtig ihm die Verzahnung von Wissenschaft und Gesellschaft sei. Gegen diese Selbstverpflichtung wird hier krass verstoßen und  das Engagement der Mitarbeiter des Botanischen Gartens missachtet.


F: Es gibt doch schon einen Botanischen Garten in Karlsruhe zwischen Kunsthalle und Verfassungsgericht. Der reicht doch!
A: Es gibt in Karlsruhe auch mehrere Theater, mehrere Sportvereine, mehrere Orchester usw. Jede dieser Einrichtungen hat ihr besonderes Profil, ihre besondere Ausrichtung. Die Besonderheit des  Botanischen Gartens des KIT liegt eben in der  Nähe zur Forschung mit den Schwerpunktthemen Einfluss der Klimazonen und des Klimawandels auf die Pflanzen.


F: Das KIT ist eine moderne Forschungsuniversität, um Spitzenleistungen für die zunehmende Digitalisierung unserer Welt zu erbringen. Brauchen wir da überhaupt noch die etwas verstaubt erscheinende Botanik?
A: Die Digitalisierung im Sinne einer Steuerungs-und Regelungstechnik ist kein Selbstzweck, sondern Mittel zum Zweck, d.h. ein moderner Weg, um bestimmte Ziele schneller und umfassender zu erreichen. Das Ziel moderner Botanik ist, vereinfacht ausgedrückt, die Erforschung pflanzlicher Lebensformen zum besseren Verständnis der Welt und zum verständigen Nutzen durch den Menschen. Im übrigen zählt das Botanische Institut zu den ältesten wissenschaftlichen Einrichtungen der Universität Karlsruhe. Näheres erfahren Sie auf der Web-Seite des Botanischen Instituts unter den Links Botanischer Garten \ Öffentlichkeit \ Botanik:älter als die Uni \ Geschichte des Botanischen Gartens


F: Aber die Glashäuser sind doch nicht mehr zu retten. Vor allem ihre Energiebilanz ist erschreckend.
A: Nicht alle Glashäuser sind heruntergewirtschaftet. Die Häuser für die Forschung, die der Öffentlichkeit nicht zugänglich sind, wurden saniert bzw. neu erstellt. Die Schauhäuser (Palmenhaus, Seerosenhaus usw.) sind allerdings wohl nicht mehr zu sanieren; sie müssen neu aufgebaut (rekonstruiert) werden. Bei einem Umzug des Botanischen Gartens wären die Investitionen in die Wissenschaftshäuser verloren, ganz abgesehen von dem Verlust an wertvollen und z.T. einzigartigen Pflanzenbestand der Freianlagen. Wäre es da nicht sinnvoller, die gemeinnützige Tschira-Stiftung investiert in eine Rekonstruktion des Gartens, anstatt zur Verschwendung öffentlicher Investitionen und Vernichtung kultureller Substanz beizutragen? Dies wäre wahrhaft „gemeinnützig“, denn es diente allen Interessen.