Stellungnahme vom 14.01.2016

Wir Anwohner geben folgende gemeinsame Stellungnahme beim Stadtplanungsamt  zum Bebauungsplanentwurf ab.

1. Zum bisherigen Entwurf des Bebauungsplans
Die Planung wird begründet mit dem gemeinsamen Interesse von Stadt und KIT, den Eingang zu Stadt und KIT städtebaulich anspruchsvoll zu gestalten („Entréefunktion“) sowie zugleich den Raumbedarf des KIT zu sichern. Gestalterische Leitlinien sind dabei eine „städtische“ Bebauung mit monumentaler Geschlossenheit der Bausubstanz und maximal zulässige Ausnutzung der verfügbaren Gesamtfläche („Verdichtung“). Dies soll durch 5 eng stehende, mindestens 50m x 50m Grundfläche umfassende monströse Blöcke mit bis zu 9 Stockwerken und ca. 50.000 qm Nutzfläche erreicht werden. Der Botanische Garten muss dieser Planung weichen.

2. Grundsätzliche Einwände
Die Planung verfehlt das Ziel eines städtebaulich überzeugenden Entrées. Die Massigkeit der Baublöcke erdrückt die vorhandenen wertvollen Baukörper der Bernharduskirche und des mit großem Aufwand renovierten Luisenstiftes (ehem. Kinderklinik) und erzeugt einen ästhetischen Missklang. Die Planung geht bis an die Grenzen des baurechtlich Möglichen und nimmt keine Rücksicht auf die örtlichen Gegebenheiten. Hinzu kommt die fehlende Berücksichtigung der Klimaprognosen für das Karlsruher Stadtgebiet, die alle von einem deutlichen Anstieg der Temperaturen ausgehen (vgl. „Auf dem Weg zum städtischen Leitbild“ S.26; S.119; Interview mit BM Stapf in den BNN v. 30.11.15, S.25). Damit werden auch die Grenzen des Verdichtungskonzepts für die Karlsruher Innenstadt aufgezeigt. Hinzu kommt eine grundsätzliche funktionale Schwäche der Planung: der vierspurige Adenauerring mit seinem hohen Verkehrsaufkommen zerschneidet den Campus-Süd in zwei Teile, in den von wechselndem Baum- und Baubestand gekennzeichneten zentralen Campus-Bereich und den neuen, monströsen Baukomplex östlich des Adenauerrings. Das Ortsbild am nördlichen Eingang von Karlsruhe wird erheblich verändert. Ein direkter Übergang von Wald in eine mehrere 100 m lange Sperrbebauung kann nicht gewollt sein. Eine verkehrstechnisch durchgängige Lösung von der Mensa über den Adenauerring zum neuen Gelände ist in der gegenwärtigen Planung weder für Kfz noch für Fahrräder und Fußgänger möglich. Hochgerechnet kann der neue Baukomplex mehr als 2000 neue Arbeitsplätze beherbergen. Die Auswirkungen auf den Parkplatzbedarf, die Zufahrt zur Tiefgarage und den Verkehr in den anliegenden Straßen sind noch nicht absehbar. Wir schlagen vor, eine durchgängige Lösung zwischen dem neuen Oststadt-Campus und dem Zentral-Campus anzustreben. Wir fordern hierzu eine Ausschreibung, an der mehrere Architektenbüros teilnehmen.

3. Raumbedarf, Nutzung und Zweck der Gebäude
In der Begründung der Planung wird auf den dringenden Raumbedarf des KIT verwiesen. Die Gebäude sollen „im Wesentlichen vom KIT aber auch von Forschungseinrichtungen Dritter genutzt werden und Ausgründungen aus dem KIT ermöglichen“. Auf Nachfragen, welchen Instituten, Forschungseinrichtungen oder Organisationen denn die geplanten Gebäude dienen sollen, blieb man seitens des KIT eine Antwort schuldig mit dem Hinweis, die ständig wechselnde Schwerpunktsetzung in Wissenschaft und Forschung erlaube keine Festlegung. Wir fordern eine Konkretisierung des Raumbedarfs für das KIT und für „Dritte“ und eine Konkretisierung der vorgesehenen Nutzung. Der bemerkenswerte Widerspruch zwischen behaupteter Dringlichkeit an Raumbedarf und der Unfähigkeit, eine konkrete Nutzung zu benennen, erklärt sich aus der Finanzierungs- und Verfügungskonzeption des geplanten Gebäudekomplexes. Wesentlicher Geldgeber ist ein privater Investor, vermutlich die Klaus-Tschira-Stiftung gGmbH. Der Gemeinderat, das KIT und das Land als Eigentümer des Geländes werden dringend aufgefordert, vor einer Beschlussfassung für Klarheit hinsichtlich der Verwendung der Gebäude, der Einflussnahme des Investors sowie des PublicPrivate-Partnership-Modells zu sorgen. Das Ausmaß der Nutzung durch Dritte sowie die Definition, welche „Dritte“ denn gemeint sind, müssen festgelegt werden. „Private“ Nutzer können durchaus auch im Campus Ost oder im Technologiepark angesiedelt werden (vgl. „Leitbild“ S.160).

4. Erhalt des Botanischen Gartens
Die Absicht des KIT, das Palmen-, Kakteen-, Tropen- und Seerosenhaus abzubauen, die Freiflächen zu räumen und somit den Botanischen Garten für die Öffentlichkeit zu schließen, ist nicht nachzuvollziehen. Im Rahmen seiner Outreach-Aktivitäten sollte sich das KIT seiner Verpflichtung gegen- über der Öffentlichkeit bewusst werden. Auch wenn das Forschungsgebiet Botanik gegenwärtig nicht modisch ist, wird es sicher aufgrund der Klimaveränderung bald wieder erheblich an Bedeutung gewinnen. Das bisher von der privaten Initiative der Mitarbeiter des Botanischen Instituts aufrecht erhaltene Lehr- und Führungsangebot sollte intensiviert werden und hierfür eine tragbare Finanzierung gefunden werden (z.B. durch den Investor oder durch Eintrittsgelder). Wir fordern den Erhalt der botanischen Biotope und deren Integration in eine moderne CampusArchitektur unter Berücksichtigung der tatsächlichen räumlichen Anforderungen des KIT. Bestehende Pflanzen-, Baumflächen (Urwald-Mammutbaum, Milchorange und Forschungspflanzen) in Freiflächen und Gewächshäusern sollten bestehen bleiben. Dadurch entstünde eine attraktive und ästhetische städtebauliche Alternative im Sinne einer grünen Stadt, die auch der positiven Selbstdarstellung des KIT zu Gute käme.

5. Auswirkungen auf das Quartier Oststadt
Wir beanstanden die mangelnde Quartierverträglichkeit und die fehlende Rücksichtnahme auf die deutlich andere Maßstäblichleit der Nachbarschaftsbebauung. Die überdimensionierte steinerne Sperriegelbebauung entlang des Adenauerrings erzeugt einen Hitzespeicherungseffekt bei gleichzeitiger Behinderung kühlender Luftzufuhr aus dem Hardtwald. Zur Erhaltung der Lebens- und Wohnqualität darf es keine Beeinträchtigung des Mikroklimas und der schützenswerten Pflanzen- und Tierwelt geben. Der Schattenwurf von Süden und von Westen 3 muss für alle Anwohner zumutbar sein, Belüftungsschneisen sind zu schaffen, steinerne Wärmeflächen und Emissionen aus der Belüftung der Tiefgarage zu vermeiden. Die Zufahrt zur Tiefgarage und der Zugang zum Gelände sollte nur vom Adenauerring aus erfolgen. Die gegenwärtige Planung berücksichtigt diese Anliegen noch nicht. Sie bedeutet einen unzumutbaren Eingriff in die Wohnund Lebenssituation der Nachbarn. Verträglich sind unserer Ansicht nach – die Hälfte der geplanten Baumasse, – Wegfall des Hochhauses mit 9 Stockwerken, – eine Tiefe der Abstandsfläche von mindestens 25m zu den Nachbargrundstücken für einen 2-reihigen, großkronigen Baumbestand, – max. 2 Stockwerke in der rückwärtigen Bebauung und insgesamt max. 4 Stockwerke, – eine fest definierte Grünanlagennutzung mit Grenzbepflanzung!

6. Zusammenfassend fordern wir
– Die Orientierung der Bauplanung an den im „Auf dem Weg zum Räumlichen Leitbild Karlsruhe“ aufgestellten ökologischen Grundsätzen.
– Den Erhalt und die Integration der Freiflächen und Gewächshäuser des Botanischen Gartens in das Baukonzept.
– Klarheit über die Zweckbindung der Bauten und Nachweis über den räumlichen Bedarf sowie die Notwendigkeit der Bebauung auf diesem Gelände.
– Die deutliche Reduzierung der Baumasse und die Rücksichtnahme auf die Maßstäblichkeit der Nachbarschaftsbebauung.

Mit freundlichen Grüßen
Die Anwohner der Hansjakobstraße, Hölderlinstraße und Karl-Wilhelm-Straße
c/o Dr. Jakob Karszt, Hansjakobstraße 4, 76131 Karlsruhe Günter Ketterer, Hansjakobstraße 2, 76131 Karlsruhe