Einspruch zum B-Plan vom 30.06.2017

An das Stadtplanungsamt Karlsruhe
sowie die zuständigen Bürgermeister
Dr. F. Mentrup, M. Obert, K. Stapf

Bebauungsplan KIT-Campus Süd – Adenauerring

Sehr geehrte Damen und Herren,

gegen den am 25. 4. 2017 vom Gemeinderat beschlossenen Bebauungsplanentwurf[1] erheben wir Einspruch. Wir beziehen uns dabei auf die unklaren, widersprüchlichen und z.T. unzutreffenden Ausführungen in der Beschlussvorlage und in den ergänzenden Materialien, insbesondere im Hinblick auf
(1) die Zielsetzung und das Nutzungskonzept der Planung,
(2) die städtebaulichen und ökologischen Auswirkungen,
(3) den Umgang mit dem bestehenden Botanischen Garten des KIT am Adenauerring,
(4) die Öffentlichkeitsbeteiligung.

Da die Umstände der Planung äußerst komplex und nicht nur auf baurechtliche Fragestellungen beschränkt sind, wird im Folgenden auf das gesamte Verfahren zur KIT Erweiterung zwischen Stadt, dem Land BW / KIT und der Klaus-Tschira-Stiftung eingegangen.

Die Unterzeichner forderten in der Stellungnahme zusammen mit vielen Anwohnern am 16.01.2016 ein transparentes Verfahren unter Einbeziehung der Bürger, den Erhalt des Botanischen Gartens des KIT, einen Architekturwettbewerb und eine „grüne Bebauung“. Nur auf eine einzige der wesentlichen Forderungen der Anwohner, die sich im Laufe des Jahres 2016 durch viel Zuspruch aus der Bevöl­kerung zur Initiative Grüner Campus entwickelte, wurde eingegangen: Der Forderung nach „grüner Bebauung“ wurde von den Planern in einigen Punkten entsprochen.
Leider müssen wir aber feststellen: Der im Juni 2017 ausgelegte Entwurf des B-Plans und die in der Zwischenzeit gefallenen Beschlüsse des Landtags, des Gemeinderats und insbesondere die ablehnenden, ja z.T. abfälligen Äußerungen einiger politischer Amts- und Entscheidungs­träger dokumentieren den absoluten, kompromisslosen Durchsetzungs­willen der Planer, den Grundentwurf aus dem Jahre 2015 ohne Berücksichtigung der Interessen tausender Bürger und eigener konkurrierender Zielsetzungen des KIT und der Stadt durchzuziehen. Dafür wurden sowohl vom KIT als auch von der Stadt auch Fehlinformationen verbreitet: So wurde z.B. die südliche Freifläche des Botanischen Gartens, in der u.a. Nutzpflanzen und deren wilde Verwandte als genetische Ressourcen genutzt werden, durchgehend als Brachfläche bezeichnet, was sicher auch Auswirkungen auf unwissende Gemeinde­räte hatte.

  1. Planungsrechtliche Bedenken zum Verfahren

Der Bebauungsplan dient einerseits dem Zweck eines vorhabenbezogenen Bauprojekts („Tschira-Projekt“, Phase 1) und andererseits vorsorglicher Angebotsplanung der Stadt zur möglichen Erweiterung des KIT (Phase2). Dies ist unserer Ansicht nach in einem Bebauungs­plan nicht erlaubt. Es gibt zwar einen Ermessenspielraum der Stadt, dieser ist jedoch von juristischer Seite begrenzt.
Und noch ein Hinweis: Bei der Abstimmung des Gemeinderats haben alle Gemeinderäte mitgestimmt. Wir verweisen darauf, dass Gemeinderäte befangen sein könnten.

  1. Zur Nutzung:

Die „Zweckbestimmung Universität“ des Baugebietes im Flächennutzungsplan (Regierungs­präsidium Karlsruhe laut II, S.2) wird zunächst als „enge universitäre Nutzungsausrichtung“ (V, S.11) mit dem Schwerpunkt „generelle Stärkung der Forschung “ und „Schaffung von zusätzlichen Lehr- und Lernräumen“ (V, S.9) definiert. Diese „enge“ Ausrichtung wird sodann erweitert durch die Aufnahme „universitätsnaher Institute“, „Tagungseinrichtungen“, „Entwicklungen (?) durch Drittmittel und Kooperationen mit privaten Forschungsinstituten“ (V, S.11, vgl. I S.4 u.ö.) und schließlich ausgedehnt auf „Mensa, Café und sonstige gastronomische Einrichtungen“, die für einen „Campus mit Vor-Ort-Präsenz“ (was ist das?) „selbstverständlich und nötig“ seien (V, S.11).

Auch „temporär (!) genutzte Wohnungen für Mitarbeiter und Gäste…, Büro- und sonstige Verwaltungsgebäude sowie Läden mit nahversorgungsrelevantem Sortiment sind zulässig (II S.6; III S.3f u.ö.). Das „Einzelhandels­angebot “ sei „allseits erwünscht“ (III, S.16) (von wem?) und ein „Angebot für die angrenzende Oststadt“ (V, S.11). Völlig offen ist, welche Größe und Art von Einzelhandel für die Nahversorgung zulässig ist. In den Unterlagen für den Auslegungs­­beschluss für den Gemeinderat war die max. Größe eines Ladens auf 100 qm begrenzt. Ausgelegt wurde jetzt eine max. Größe von 300 qm pro Laden ohne Begrenzung der Gesamtfläche. Wir vermuten, dass viele Stadträte die nachträgliche Änderung gar nicht kennen. Wir meinen, es muss eine max. Gesamtfläche genannt werden!

Zwar gilt für die Nutzungsgruppe Wohnen, Büros und Läden die Einschränkung, es müsse der „Gebietscharakter Universität“ bzw. die „Universitätsaffinität“ gewahrt bleiben und „für den konkreten Einzelfall eine Entscheidung getroffen werden“. (V, S.11) Wir fragen: Wer trifft mit welcher Legitimation diese Entscheidung? Und wie ist das in V, S.11 angeführte Entscheidungs­­­kriterium zu verstehen: „In Grenzfällen, in denen eine ‚Universitätsaffinität‘ der Nutzung nicht eindeutig festgestellt werden kann, müssen sie sich in Art und Maß der Nutzung dem Gesamtgebiet eindeutig unterordnen“(?).

Der eklatante Widerspruch zwischen dem immer wieder betonten dringenden Bedarf an zusätzlicher genuin universitärer Nutzfläche einerseits  (I, S.2; II,S.5;  u.ö) und der Nutzungs­öffnung für private Interessenten unter dem vagen Oberbegriff „universitäts­affin“ ergibt sich aus dem erst nach der ersten Stellungnahme der Anwohner bekannt gewordenen Finanzierungs­konzept. Der erste, größere Bauabschnitt wird durch die Klaus-Tschira-Stiftung (KTS) auf der Grundlage eines Erbpachtvertrags finanziert, zu dem der Landtag am 18.2.2016 seine Zustimmung gab. Der Wortlaut des Vertrags ist und wird der Öffentlichkeit bisher vorenthalten; entscheidend ist, dass zwei der drei von der KTS finanzierten Gebäude gegen Erbpacht von der KTS vermarktet werden. Es ist aus der Sicht des Investors verständlich, dass er über diese Einnahmequelle mit dem Ziel größtmöglicher Rendite verfügen möchte, was eine möglichst freizügige Nutzung voraussetzt. Mit der unpräzisen Nutzungsvorgabe „universitätsaffin“ ist es möglich, dass beliebige Firmen, die irgendein Projekt mit dem KIT durchführen, Mieter in den beiden Tschira-Gebäuden werden.  Die Unterzeichner fordern nochmals, dass durch klare Kriterien festgelegt wird, was konkret eine „universitätsaffine Nutzung“ ist.

  1. Begründung „Masterplan“

Die Bebauungsplanung auf dem Gelände soll lt. Vorgabe des sogenannten Masterplans des KIT „städtisch“ erfolgen. Dieser Masterplan des KIT ist nicht öffentlich und baurechtlich irrelevant. Er wurde weder dem Gemeinderat vorgelegt, noch in den Rahmen des unter Beteiligung der Öffentlichkeit entwickelten Städtebaulichen Leitbilds der Stadt Karlsruhe einbezogen. Er wird mehrfach im B-Planentwurf als Begründung für „städtische Bebauung“ und für weitere Planungs­fest­legungen und -empfehlungen herangezogen.

  1. Architekturwettbewerb und Interessenskonflikt

Alle drei Aufträge, die mit diesem Projekt in Verbindung stehen,
1) Entwicklung des städtebaulichen Leitbilds
2) Bauleitplanung KIT Campus Süd von der Stadt und die
3) Entwicklung des Masterplans für das KIT wurden an das gleiche Planungsbüro, einer Firma eines Architekturprofessors des KIT, vergeben. Die Interessen des KIT als Nutzer des Geländes werden auf diese Weise von der Stadt direkt übernommen. Kreativer und innovativer Ideenwettbewerb ist ausgeschlossen.

Wie kann eine Stadt sich grundsätzlich für Architekturwettbewerbe aussprechen und sich gleichzeitig in diesem Projekt und gleich bei weiteren Großprojekten den Investoren­vorgaben beugen? Auch am Adenauerring soll kein Architekturwettbewerb durchgeführt werden, obwohl dies nicht nur in Karlsruhe selbstauferlegte Pflicht insb. für öffentlich genutzte Lehr- und Forschungsgebäude ist.

  1. Die Grüne Stadt

Die Stadt proklamiert in ihren Zielen eine Grüne Stadt und fordert die Bürger auf bei diesem Ziel mitzuwirken (siehe „Meine Grüne Stadt“). Die Initiative Grüner Campus hat hierzu einen Vorschlag zum Botanischen Garten des KIT eingereicht, der als einer der 12 angenommenen Projekte ausgewählt wurde. Als es dann um die Unterstützung des Projekts durch die Stadt ging, musste der Umweltbürgermeister mit „Bedauern“ einen Ablehnungsbescheid ausstellen. Das Projekt könne nicht gefördert werden, weil man als Stadt eine einheitliche Position beziehen müsse. Grün ist also nur dann grün, wenn keine anderen Argumente dagegenstehen. Eine Abwägung zwischen Nachverdichtung und Erhaltung einer der bedeutungs­vollsten Grünanlagen Karlsruhes, des Botanischen Gartens des KIT, findet nicht statt. Die Prioritäten liegen klar auf Nach­verdichtung.

Die beiden Zielsetzungen, nämlich zu gleichen Teilen größtmögliche Nutzflächen sowohl für den tatsächlichen Universitätsbedarf als auch für den Refinanzierungsbedarf der KTS zu schaffen, führt zu erheblicher Verdichtung. Und die Behauptung, die vorgelegte Planung verfolge das Ziel, einen „zusammenhängenden Campus“ zu schaffen, um „Lehrver­anstal­tungen zeitlich (zu) verknüpfen und interdisziplinäre Forschung mit kurzen Wegen (zu) realisieren“ (V, S.9) ist nicht haltbar. Der mutige „Sprung über den Adenauerring“ (V, S.19) prallt hart auf die Realität. „Aufgrund der hohen Verkehrsbedeutung “ (zutreffender wäre „Verkehrsdichte“) des Adenauerrings innerhalb des gesamtstädtischen Verkehrsnetzes wird eine engere Verzahnung zwischen dem bestehenden und dem neuen Campusbereich nicht möglich sein“ (III, S.3).

  1. Klimaschutz

Es versteht sich von selbst, dass neu erstellte Baumassen die ökologische Bilanz hinsichtlich des Lokalklimas und des Verkehrsaufkommens sowie der Lärmerzeugung verschlechtern. In den Ausführungen zum Bebauungsplan herrscht die Tendenz vor, diese Auswirkungen zu verharmlosen durch das Pauschalversprechen, „dass auch künftig gesunde Wohn- und Arbeitsverhältnisse gewahrt bleiben“ (III, S.2) und dämpfende Formulierungen wie „werden als gering eingeschätzt“ (V, S.26), „kann als vernachlässigbar angesehen werden“ (V, S.14), „wird…als nicht wesentlich und zumutbar eingestuft“ (I, S.7). Die Stellungnahme zu diesen Urteilen wird dem Bürger dadurch erschwert, dass die zugrundeliegenden Gutachten (Verzeichnis V, S.31) nur im Stadtplanungsamt einzusehen sind, während die veröffentlichten Planungsunterlagen nur über den gesamten Text verstreute Auszüge enthalten, die unzusammenhängende, in sich widersprüchliche und bezüglich der Datenerhebung und -verknüpfung nicht nachvollziehbare Angaben enthalten. So wird hinsichtlich der Auswirkungen auf das Lokalklima die ohnehin ungünstige Ausgangssituation durch die thermische Belastung im Oberrheingraben zwar genannt (die zu erwartende weitere Verschlechterung durch den Klimawandel bleibt allerdings unerwähnt), um dann unvermittelt mit dem Hinweis auf den ja nicht strittigen Ist-Zustand abzuwiegeln: „Durch das heute in großen Teilen unbebaute Plangebiet kann von einer verhältnismäßig guten Durchlüftung …gesprochen werden“ (V, S.7f). An anderer Stelle werden die Zunahme der Lufttemperatur und die Reduzierung der Durchlüftung durch die „Speicherwirkung“ der neuen Gebäude zugegeben, die aber „deutlich geringer als die von Gebäuden im Bestand“ sei. Welche Gebäude im Bestand sind denn gemeint? Im Übrigen bringe die „Reduktion der Durchlüftung … keine erheblichen Nachteile“, weil „im Wohngebiet weder hohe thermische noch lufthygienische Belastungen ‚produziert‘ werden“ (V, S.26). Diese zynische Logik, eine Verschlechterung sei hinzunehmen, weil der bestehende Zustand so gut sei, mündet in das wohl entwaffnend gemeinte Geständnis: „Die Beurteilung lokalklimatischer Auswirkungen ist schwierig, da es keine verbindlichen Grenz- oder Richtwerte gibt. Insofern gilt es, uner­wünschte Effekte zu minimieren.“ (V, S.27).  Dazu lässt man die zu erwartenden Spitzenwerte der Sommermonate im statistischen Mittelwert einer Temperaturzunahme von „deutlich unter 1° im Jahresmittel“ verschwinden und gelangt so zum Urteil, „die Lufttemperatur“ werde „sich nur geringfügig erwärmen“ (III, S.2).

  1. Lärm und Verkehr

So sind auch die Aussagen zur Verkehrs- und Lärmzunahme zweifelhaft. Immerhin kommt die Untersuchung des bestehenden Verkehrsaufkommens zum Ergebnis, dass bereits jetzt im zu bebauenden Mischgebiet und im angrenzenden Wohngebiet tagsüber und nachts die zulässigen Werte der TA Lärm „regelmäßig überschritten werden“ (V, S.7). Damit wird auch der von Mitgliedern der Stadtspitze formulierte Vorwurf entkräftet, die Anwohner vertei­digten mit ihrer Kritik an der Planung unangemessen paradiesische Wohnbedingungen. Verwirrend sind die Prognosen über den Zuwachs. Zunächst wird als Folge der Bebauung „ein werktägliches Kfz-Verkehrsaufkommen von je (?) ca. 660 Fahrten im Quell-und Zielverkehr pro 24 Stunden“ erwartet; dann heißt es, davon „sind ca. 450 Fahrten als Neuverkehre zu werten, die zu zusätzlichen Verkehrsbelastungen auf den umliegenden Stadtstraßen führen. Die übrigen Fahrten sind schon im bestehenden Verkehrsaufkommen des KIT Campus Süd vorhanden“ (V, S.14f). Bemerkenswert niedrig wird die prozentuale Verkehrszunahme am Adenauerring um 2,1% je Fahrtrichtung und der Tempo 30 Zone Am Fasanengarten um 5,5% geschätzt.

Wir fragen: Wie kommt man auf diese Werte? Von welcher Anzahl an Beschäftigten und Besuchern („Anliegern“) geht das Gutachten als Grundlage für die Berechnung der neuen Verkehre aus? Welche Verkehrsmittel benutzen diese?

Im Übrigen wurde die im Planungsstand 5/2016 gestrichene Tiefgaragenzufahrt zur Straße Am Fasanengarten wiederaufgenommen. Sie wird laut Planungstext „nicht zwingend benötigt“ (V, S.15), würde aber die Belastung der Straße Am Fasanengarten erhöhen. Die heute bestehende Einfahrt wird von den Bediensteten des Botanischen Gartens mit ca. 5 Stellplätzen genutzt.

  1. Bürgerbeteiligung

Die Stadtspitze hebt hervor, dass das Verfahren dieses B-Plans geradezu als Vorbild für Bürgerbeteiligung herangezogen werden kann. Wie kommt man nur zu dieser Auffassung? Weil rein baurechtlich gesehen der Prozess korrekt ist und die baurechtlich notwendigen Schritte und Veranstaltungen der Planer für die Bürger stattgefunden haben? Oder weil man einigen Anwohnern einige Abstandsmeter mehr und nur drei Stockwerke in der Nachbarschaft (nicht bei den Unterzeichnern) zugesprochen hat? Bei drei Veranstaltungen unter Beteiligung des Planungsbüros wurden nur rein bauplanerische Informationen gegeben.Auf die geäußerten Anliegen und Vorschläge, die zum Großteil gar nicht rein baurechtlicher Natur waren und sind (Botanischer Garten und Architekturwettbewerb), setzten maßgebliche Entscheidungsträger nur das Argument „Einem geschenkten Gaul schaut man nicht ins Maul“ entgegen. Zwar haben Gemeinderäte und Fraktionen während des Wahlkampfs durch Begehungen öffentlich viel Sympathie für die Anliegen gezeigt, jedoch hat sich weder die Stadtspitze noch das Präsidium des KIT trotz Aufforderung mit den Bürgern direkt auseinandergesetzt. Ganz im Gegenteil. Die Initiative Grüner Campus Karlsruhe hat ca. 6.500 Unterschriften für den Erhalt des Botanischen Gartens des KIT gesammelt, davon mehr als 4.600 aus dem Landkreis Karlsruhe. Immerhin hat das KIT / Land die Unterschriften entgegen­genommen, allerdings ohne das geringste Verständnis oder Entgegenkommen zu zeigen. Die Stadtspitze hat sich der persönlichen Übergabe und dem öffentlichen Dialog gleich gar nicht gestellt, sondern positionierte sich von vorne herein öffentlich gegen die Anliegen tausender Bürger. Dies ist eine bürgerfeindliche Verweigerungs­haltung und kein „Dialog auf Augenhöhe“. Der Investor behauptet gar, er sei bei der Planung gar nicht beteiligt und verweigert jede Aussage.
Der mehrmalige Antrag der Initiative Grüner Campus beim Vorstand des Oststadt-Bürger­vereins, eine Bürgerversammlung einzuberufen, scheiterte auch nach Vorlage von ca. 6.500 Unter­schriften. Ohne eine Versammlung in Erwägung zu ziehen, behauptete der Baubürger­meister (als Vorstandsmitglied des Vereins) sogar, dass der Bürgerverein die aktuelle Planung befürworte. Bei einer von der Oststadt-Nachbarschaft veranstalteten Versammlung stellte sich schnell heraus, dass die Bürger mit großer Mehrheit für den Erhalt des Botanischen Gartens sind.

  1. Transparenz

Die Bauleitplanung wurde begonnen, ohne dass der Öffentlichkeit die Absichten der Planer genannt wurden, die zumindest eine grenzwertige Nutzung hinsichtlich der Vorschriften des Flächennutzungsplans vorsieht. Erst nach der Stellungnahme der Anwohner vom 16.01.2016 wurde in einer Presseveröffentlichung des KIT vom 19.02.2016 bekannt gegeben, dass die Klaus-Tschira-Stiftung Investor und Bauherr von 3 Gebäuden sein wird und nicht nur ausschließ­lich rein universitäre Nutzung vorgesehen ist. Vom Landtag wurde am gleichen Tag bereits die Genehmigung des Erbbaupachtvertrags erteilt. All das wurde trotz der Fragen der Bürger in den vorherigen Veranstaltungen verheimlicht. Ausschließliche Begründung für die Bebauung war der Flächenbedarf für die KIT-Institute. Die Planer müssen sich nicht wundern, wenn sie dem Vorwurf der Täuschung der Öffentlichkeit ausgesetzt sind.

Der Landtagsantrag wurde an keiner Stelle erwähnt und ein Zusammenhang sogar vom Stadtplanungsamt negiert. Natürlich steht das Verfahren im Finanzausschuss/ Landtag und das Bauleitverfahren in unmittelbarem Zusammenhang! Der Erbbaupachtvertrag ist ja bis heute nicht unterzeichnet. Wie auch, ohne Schaffung von Baurecht im Bauleitverfahren kann es ja auch keinen Vertrag geben! Die Unterzeichner widersprechen der Stadt, dem Land und dem KIT, dass die Planung transparent erfolgt.

  1. Der Botanische Garten des KIT und Artenschutz

Völlig unberücksichtigt von den Verwaltungen der Stadt, des Landes und des KIT und von den maßgeblichen Politikern im Wissenschafts- und Finanzministerium ist der Verlust einer der wichtigsten Grünanlagen Karlsruhes, des Botanischen Gartens des KIT am Adenauerring. Für den Erhalt am Adenauerring haben tausende Bürger unterschrieben. Mit dem Verlust des Botanischen Gartens des KIT am Adenauerring werden die Worte von Herrn G. Bachmann vom Amt für Bau und Vermögen, BW.KA konterkariert, der den Campus in „einem nachhaltigen Funktions­zusammenhang stadtstrukturell, ökologisch und sozialpolitisch zu einer grünen Modell­landschaft machen“ will.
Eine Verlegung, die inzwischen vom KIT-Präsidium beschlossen wurde, wird jahrzehntealte Pflanzen des Botanischen Gartens zu Grunde richten. Der B-Plan kann nicht in Kraft treten, wenn nicht gesichert ist, dass die schützenswerten Pflanzen, von denen es teilweise nur ein Exemplar in Karlsruhe gibt, erhalten bleiben. Wo und wie dies geschehen kann, muss noch erläutert werden. Das Artenschutzgutachten lässt unserer Ansicht nach diesen Aspekt außer Acht.
Das KIT soll seine Pläne für die Hälfte der heutigen Fläche in der Kornblumenstraße im Detail darlegen und erläutern wie auf weniger als der Hälfte der Fläche die gleiche Artenschutz­sammlung und botanische Forschungsarbeit geleistet werden kann, die auch für die Öffentlichkeitsarbeit geeignet sind. Das KIT möge seine weiteren Planungen für die Nordseite des Geländes frühzeitig darlegen. Bis heute ist dies noch nicht geschehen. Als Beitrag zum Grünen Campus und zur Grünen Stadt könnte man ja für den Dialog zwischen Wissenschaft, Wirtschaft und Gesellschaft ein nachhaltig konzipiertes und vorzeigbares Center of Dialog schaffen, die der Tradition der Botanik und der Gewächshäuser folgt.

Schlussbemerkung
„Die Weiterentwicklung unserer Stadt bei gleichzeitigem Schutz ihrer Identität ist einer der wichtigsten Aufgaben des Städtebaus. Die Stadt Karlsruhe ist eng mit dem KIT und dessen Erfolg verbunden.“  Diese beiden Sätze eines Karlsruher Fraktionschefs stehen für das partei­übergreifende Grundverhalten der Entscheidungsträger: auf die richtig erkannte Aufgabe folgt eine Lösung, die auf einer unkritischen Identifi­zierung mit den von den Planern vorgetragenen Interessen des KIT und des Investors beruht. Diese Interessen werden unmittelbar mit dem Wohl der Stadt gleichgesetzt trotz Widerspruch zu den eigenen Leitlinien der Stadt und der Parteien (Bürgerbeteiligung, Grüne Stadt und Architektur­wett­bewerbe).
Für den abweisenden Umgang mit dem Engagement der Bürger aber gilt: Wer mit großartigen Versprechen beim Bürger politische Mitwirkungs-Erwartungen weckt, die dann sogar offen unterlaufen werden, darf nicht über Politikverdrossenheit oder Politikerschelte klagen. Die Missachtung des Bürgerwillens mag kurzfristig ein „Durchregieren“ ermöglichen. Auf lange Sicht aber rächt sie sich.

 

Karlsruhe, den 29.06.2017

 

Dr. Jakob Karszt und Günter Ketterer
Initiatoren der Initiative Grüner Campus Karlsruhe
[1] Da der Bebauungsplan nicht durchgehend paginiert ist, verwenden wir für Hinweise und Zitate die Kürzel I = Ergänzende Erläuterungen zur Beschlussvorlage, II = Antwort auf Stellungnahme der Behörden, III = Antwort auf Stellungnahme der Öffentlichkeit, IV = Bebauungsplan, Planungsrechtliche Festsetzungen, V = Bebauungsplan, Begründung und Hinweise

 

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